Andre Pfeifer - Bilder und Geschichten
Andre Pfeifer - Bilder und Geschichten

 

  Gedanken zur Corona-Krise

 

  Der folgende Text ist die ungekürzte Fassung einer Geschichte, die ich für den Sammelband „Wer will schon in den Süden“ geschrieben habe. Das Buch mit vielen schönen Geschichten und Gedichten wird vom Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V. herausgegeben. Es ist mit der ISBN Nummer 978-3-945605-47-9 im Verlag Tasten & Typen, Bad Tabarz erschienen und für EUR 14,80 im Buchhandel erhältlich.

 

  Alina Pfeil
  „Mein 14ter Geburtstag“
  oder „Party for One“

 

  Zu Beginn schien die Corona-Krise in weiter Ferne stattzufinden, irgendwo in China. Selbst Italien war noch weit genug weg. Aber plötzlich war sie hier. Lockdown.
  Keiner von uns nahm das ernst. Wir freuten uns über schulfrei und schickten lustige Bilder und Videos hin und her. Man hätte sich das Ende der Welt anders vorgestellt, mit Zombies und Schrotflinten und nicht mit Händewaschen und Zuhausebleiben. Ein Spanier machte sich über uns Deutsche lustig. Die Welt ginge vor die Hunde und man kaufte für die letzten Tage Tequila, Bier und Tacos. Aber was kauften wir? Klopapier! Bald würde die Weltbevölkerung in Särgen liegen und einzig die Deutschen mit einem sauberen Arsch. Und die Filmhelden aus „Zurück in die Zukunft“ warnten vor Zeitreisen. „Was auch geschieht, geh auf gar keinen Fall nach 2020!“
  Dann wurde es schlimmer. Kontaktverbote, Maskenpflicht, täglich neue Bestimmungen. Wir mussten höllisch aufpassen, denn wir hingen trotzdem zusammen rum. Aber bald wurden wir weniger. Die Polizei und Ordnungsämter machten Ernst mit unverschämten Bußgeldern, Eltern von Freunden wurden immer strenger, es gab Hausarreste. Kein Kino mehr, kein Tanzkurs, kein Vereinssport und dann wurde die Jugendweihe abgesagt.
  Ich glaube, erst da wurde uns wirklich bewusst, welch gestapelter Mist hier lief. Die Jugendweihe war der Tag, von dem ältere Schüler die coolsten Storys erzählten, von der Galafeier, den Geldgeschenken, vor allem aber von den Partys danach, die sich bis in die Nacht hinziehen konnten. Von diesem Tag an galt man als erwachsen, durfte Alkohol trinken … naja, nicht wirklich, aber wir sahen es so. Und die Diskussionen mit den Eltern, wann wir abends nach Hause kommen sollten, würden viel leichter werden. Es war einfach DER Tag. Und nun fiel er aus. Verschoben in den Herbst. Total bescheuert! Denn was kam dann nach der Jugendweihe? Wind, Regen und Kälte! Anstelle des tollsten Sommers unseres Lebens.
  Neben den Onlineaufgaben, die wir von unseren Lehrern bekamen und die die meisten sowieso nicht verstanden, gab es nur noch Netflix und YouTube und so. Filme, Serien, Videos. Das wahre Leben lag auf Eis. Wir warteten darauf, dass es schmolz, aber es wurde immer dicker.
  Dann kam der Tag, an dem ich 14 werden würde. Im Gegensatz zu den schönen Geburtstagspartys, die an warmen Sommerabenden stattfanden, musste ich im April feiern. Problem war, dass jede Party bei Mistwetter stattfand. Katastrophe war, dass sie dieses Jahr überhaupt nicht stattfand.
  Monatelang hatte ich mich darauf gefreut. Sicher kamen später noch der 16te und der 18te, aber wenn man sich von unten näherte, war der 14te Geburtstag der bedeutendste von allen. Und nun? Nichts! Keine Einladungen verteilen an Freundinnen, die sich total mit mir freuen würden, oder an einige Jungs, die ich gern kennenlernen wollte. Keine Partyvorbereitungen Tage zuvor, kein Kuchenessen im Unterricht mit unserem Klassenlehrer.
Stattdessen Händewaschen und Zuhausebleiben. Na toll!

 

  Mein 14ter Geburtstag war an einem Mittwoch. Das Kaffeetrinken mit der Verwandtschaft wurde normalerweise auf den Samstag verschoben. Unnötig! Papa arbeitete verkürzt von zu Hause aus, Mama überhaupt nicht. Und von den Gästen durfte ja sowieso keiner kommen. Bekloppte Kontaktsperre.
  „Wir müssen uns schon an die Regeln halten“, hatte mein Vater gesagt.
  „Schwachsinn!“, kommentierte meine Mutter.
  Die Kaffeetafel wurde trotzdem gedeckt und ich hoffte schon, dass heimlich jemand kommen würde, was jedoch nicht geschah. Stattdessen redeten meine Eltern über einen uralten Schwarzweißfilm. „Dinner for One“ zeigte den 90sten Geburtstag einer alten englischen Lady, die all ihre Freunde überlebt hatte. Ihr Butler James erhob an der Tafel für jeden einzelnen von ihnen das Glas, um mit Miss Sophie anzustoßen. Wie James rannten nun meine Mutter und mein Vater um den Kaffeetisch herum, an dessen Stirnseite ich saß. Sie setzten sich hin und wieder auf die Plätze nicht erschienener Gäste und gaben entsprechende Kommentare ab.
  „Deine Oma Elfriede hätte jetzt von IHREM 14ten Geburtstag erzählt und dass sie von dem Tag an nach der Schule auf den Feldern und im Stall hätte helfen müssen.“ Meine Mutter lud das kleinste Stück Torte auf Oma Elfriedes Teller und ahmte sie nach. „Aber nur ein wenig, wegen meines Zuckers.“
  Mein Vater hatte den Mund schon voll Torte. „Dein Opa Gustav hätte dann gesagt, dass ihn sein Zucker nicht interessiere, weil du ja nur einmal 14 wirst. Und heute, ohne Konkurrenz, hätte er vermutlich die halbe Torte gegessen.“
  Meine Mutter hatte schnell den Platz gewechselt. „Aber er ist leider nicht da und so wird sich auch keiner darüber beschweren, wenn Oma Klara ausführlich von ihrer Konfirmation erzählt.“
  Es gab Beschwerden über das Gerülpse meiner jüngeren Cousins an der Kaffeetafel, und dass sie das schlechte Benehmen nur hätten, weil meine Tante dem Arbeitswahn verfallen sei und sich kaum um sie kümmere. Es gab gespielte Diskussionen über Tee und Kaffee und einige Storys aus der Armeezeit meines Opas Rudolf. Es gab Witze und Anekdoten. Meine Eltern gaben sich wirklich Mühe, es war nicht so langweilig wie sonst und doch wünschte ich mir, es wäre wie sonst. Wenn ich nur daran dachte, dass es verboten war, Freunde und Verwandte zu treffen, als wäre es ein Verbrechen, begann ich innerlich zu kochen.
  Ich hatte drei Stück Himbeer-Sahne-Torte gegessen, die einzige Torte, die diese Sünde wert war, aber die Kohlenhydrate verlangten nun, von meinem Körper verbrannt zu werden, anstatt sie in Fett zu verwandeln und anzulegen. Ich begann, auf meinem Stuhl hin und her zu rutschen und konnte die Füße nicht stillhalten. Die Luft wurde stickig, die Decke des Wohnzimmers kam langsam herunter und irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. „Okay, hört auf damit.“ Noch war meine Stimme ruhig, aber ich wusste, dass ich ganz schnell raus musste.
  Mein Vater hatte sich gerade auf den Nachbarstuhl gesetzt. „Komm schon, ist doch lustig.“
  „Lustig? Für euch vielleicht, aber mir wird meine Lebenszeit gestohlen!“
  „Das ist auch irgendwann vorbei.“
  „Wann, nächstes Jahr?“
  „Möglicherweise.“
  Ich beugte mich vor und fauchte meinen Vater an, als ob er etwas dafür konnte. „Ein ganzes Jahr? Ich halte diesen Blödsinn keine Woche mehr aus.“
  „Das ist kein Blödsinn, die Krankheit ist wirklich schlimm.“
  „Ja, wie die Grippe.“
  „Hier sterben Menschen!“
  „An der Grippe auch!“
  „Und an Aids, Malaria, Denguefieber, Krebs und Herzinfarkten“, warf meine Mutter ein. „Warum gab es dazu keine Beschränkungen?“
  Ich fand echt toll, dass sie versuchte, das Feuer auf sich zu ziehen.
  „Corona ist ja wohl deutlich schlimmer.“
  Ich funkelte meinen Vater an. „Sagt wer?“
  „Wissenschaftler, Virologen, Politiker.“
  Mama wurde richtig sauer. „Wissenschaftler sehen nichts anderes, als ihr spezielles Fachgebiet, da sind wir nur Versuchskaninchen. Und Politiker baden in ihrer Macht und denken zuallererst an die nächste Wahl! Zuhausebleiben und Händewaschen, mehr fällt denen nicht ein. Sie sollten besser verlangen, dass man seine Immunabwehr stärkt, gesünder isst und Sport treibt, anstatt Turnhallen und Sportplätze zu schließen.“
  „Es geht doch nicht nur um euren Sport. Vielmehr gibt es alte und kranke Menschen, die die Krankheit besonders trifft, die daran sterben können.“
  Ich sprang so heftig auf, dass mein Stuhl nach hinten umkippte. „Und? Müssen wir dann aus Solidarität auch krank werden? Die haben mir alles genommen, verdammt noch mal!“ Ich schlug beide Hände auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirrten. „Mir fehlen meine Freunde, Späße in der Schule, das Quatschen auf dem Schulhof, Tanzen, Volleyballspielen … Ich kann doch nicht den ganzen Tag in dem scheiß Internet rumhängen.“
  „Und die alten Menschen?“ Vater wurde jetzt auch lauter.
  „Die hatten ein schönes Leben!“ Ich kann nicht glauben, was ich da schrie.
  „Stell dir vor, es träfe Oma und Opa.“
  Ich öffnete den Mund, holte Luft und wollte weiterschreien, aber ich wusste nichts zu erwidern. Zitternd stieß ich die Luft wieder aus und sah mich panisch im Raum um. Fahrig fuhr ich mir mit den Händen durchs Haar. Schwer atmend suchte ich mit den Augen die Tür.
  Meine Mutter zeigte mir einen Ausgang. „Ich schlage vor, wir fahren erstmal eine Runde Fahrrad.“
  Sie legte mir ihren Arm um die Schulter, aber ich stieß sie weg und hastete aus dem Zimmer.
  Mein Vater versuchte nicht, mich aufzuhalten, aber er rief mir nach. „Wir sind hier noch nicht fertig.“
  „Doch, sind wir.“ Auch meine Mutter zog sich Schuhe und Jacke an.
  Wir verließen das Haus, schnappten die Fahrräder, fuhren die Straße hinauf und bogen auf den Feldweg ab, der in den Wald führte. Ich trat meine ganze Wut in die Pedale. Erst am Waldrand hatte ich mich soweit beruhigt, dass ich langsam fuhr und Mama mich einholen konnte. Ich drehte mich nach ihr um. Sie sah cool aus mit ihrem Mountainbike, für das sie ihr Citybike in Zahlung gegeben hatte. Sie telefonierte während sie fuhr, steckte dann ihr Handy weg und übernahm die Führung. Es ging tief in den Wald hinein. Wir verließen die Hauptwege und holperten übelste, vom Forst zerfahrene Pisten entlang. Ich hatte mich längst beruhigt und sagte ihr das auch. Dann erkannte ich, wo sie hinwollte. Doch bevor wir an der zerfallenen Schutzhütte ankamen, hörte ich Stimmen und Gelächter.
Ich fuhr schneller. Dichter junger Fichtenwald flankierte den Weg. Ohne mich nach Mama umzusehen, preschte ich weiter in Richtung der Stimmen. Ich fühlte mich wie eine Gestrandete, die plötzlich auf Menschen stieß. Die Bäumchen traten auseinander und ich erblickte Freundinnen und Freunde und zwei ihrer  Eltern. Auf dem morschen Picknicktisch standen Getränke und Snacks und eine kleine Musikbox. Mein Herz machte einen Sprung. Freudentränen schossen mir in die Augen. Ich begann über das ganze Gesicht zu strahlen. Freudig sprang ich vom Rad, das hinter mir umfiel. Jubelnd fiel ich allen um den Hals, auch den Eltern und den Jungs. Meine Freundinnen und ich schrieen und sprangen auf und ab, als wären wir Kreismeister geworden.
  Dann blickte ich zurück und sah meine Mutter mit ihrem schönsten Lächeln neben dem Fahrrad stehen. Ich schloss sie in die Arme und wollte sie nie wieder loslassen.
  Wir schossen drei Sektkorken in den bewölkten Himmel und stießen alle zusammen an. Noch nie hatte alkoholfreier Sekt so gut geschmeckt. Ein magischer Moment, der schönste Tag meines Lebens.
  Und dann hörten wir ein Motorengeräusch, das näher kam. Offensichtlich kämpfte sich ein Geländewagen den zerfurchten, überwachsenen Weg entlang. Er kam genau auf uns zu.
  „Los, weg hier!“ Ich rannte zum Tisch. „Packt das Zeug in eure Fahrradtaschen und dann fahren wir jeder in eine andere Richtung!“
  Doch keiner reagierte.
  Verstanden sie das nicht?
  „Die klagen uns an, wir müssen hier weg! Das ist der Förster oder die Polizei! Wer sonst kommt mit einem Geländewagen?“ Dann hielt ich inne und starrte meine Mutter an.
  Sie lächelte noch immer und schenkte mir Sekt nach, da ich meinen verschüttet hatte.
  Opa Rudolf stoppte seinen Geländewagen neben der Hütte. Auch Oma Elfriede und Opa Gustav stiegen aus. Ich musste mich bei mir selbst für meine Worte vom Kaffeetisch entschuldigen. Zurückhaltend ging ich zu ihnen. „Aber das Virus? Ihr könntet krank werden und sterben.“
  Opa Gustav schüttelte meine Hand. „Ach Kind, der Tod wäre nicht das Schlimmste. Das Schlimmste wäre, vorher nicht gelebt zu haben.“
  Sie umarmten mich herzlich und wir stießen alle miteinander an. Dann erlebte ich die gespielten Geschichten von der Kaffeetafel noch einmal ganz anders, bis meine Großeltern wieder zurückfuhren und die Eltern einen langen Spaziergang machten.
  Und dann ging es richtig los. Die Musik konnten wir nicht zu laut stellen, aber nachdem wir genug getrunken hatten, holten wir alle verpassten Partys der letzten Wochen nach. Wir sangen und tanzten und auch die Jungs machten mit. Es war kühl und windig und es begann zu nieseln, aber trotzdem wollte ich nirgendwo anders sein.