Andre Pfeifer - Bilder und Geschichten
Andre Pfeifer - Bilder und Geschichten

 

Die folgende Geschichte ist ein Gedanke, eine Provokation die zum Nachdenken und Diskutieren anregen soll - auch als Download zum Weitergeben.

Andre Pfeifer - Hoffnung
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Hoffnung

 

  Wring, wring! Es klingelte zum dritten Mal.
  Er war zu spät. Wie zu Schulzeiten, als sein Freund fast jeden Tag auf ihn warten musste. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte ihm erneut, wie alt er geworden war. Nur noch graues Haar. Er schmunzelte. Ja, graues Haar. Aber einige aus seiner alten Klasse hatten lichtes Haar. Oder keins mehr, wie sein Freund, der vor der Tür wartete. Er griff seine Jacke und sprang mit drei Schritten die Treppe hinunter. Wie damals!
  „Ich brauche mich wohl nicht zu entschuldigen ...“
  „Nein. Vier Kilometer Fußweg. Da können wir viel Zeit herausholen.“
  „Wie wäre es mit Jogging?“
  „So hatte ich das nicht gemeint.“
  „Zu alt?“
  Sein Freund lachte. „Nein. Es würde ewig dauern, bis du dich umgezogen hättest. Und verschwitzt aufs Klassentreffen? Es genügt, dass wir auf diesem staubigen Forstweg durch den Wald dorthin laufen.“
  „Was du „Wald“ nennst. Wir können froh sein, dass sie ein paar Bäume stehen gelassen haben. Seit Öl und Gas nur noch in Motoren verbrannt werden dürfen, geht es dem Wald für die Heizungen an den Kragen.“
  „Ja, ein Holzhaus wie du es damals gebaut hast, kann sich keiner mehr leisten. Holz ist wertvoller als Öl.“
  Er seufzte. „Die machen den ganzen Planeten zur Sau. Alles wird der sogenannten Ökonomie untergeordnet.“ Lästernd hob er die Hände. „Wir können uns Wald allein als Erholungsgebiet nicht leisten.“ Dann fuhr er nachdenklich fort. „Erinnerst du dich an den See mit dem Steg und der Hütte, die plötzlich abgerissen wurden.“
  „Ja, mitten im Wald. Entweder du kamst mit dem Rad oder zu Fuß. Bist du dort nicht wöchentlich schwimmen gewesen?“
  Er lachte. „Ja, während meiner Joggingrunde. Im Winter musste ich ein Loch ins Eis brechen.“ Betrübt blieb er stehen. „Nun gibt es kein Eis mehr. Und keinen Schnee. Verdammt. Ich dachte, wir kriegen das hin, mit dem Klimaschutz. Wie beim Ozonloch. Da hat es geklappt. Keine FCKW mehr in die Luft und es wurde besser.“
  Auch sein Freund verharrte. „Kohlendioxid ist eben etwas anderes. Das lässt sich nicht einfach wegregeln. Da hängt zu viel Bequemlichkeit dran. Keiner will vier Kilometer zu Fuß gehen. Komm weiter!“
  „Als Obama amerikanischer Präsident wurde und nach Kopenhagen fuhr, zu der letzten Klimakonferenz, erinnerst du dich, vor 20 Jahren, da dachte ich, jetzt kommen ein paar konkrete Richtlinien. So etwas wie: „Ab 2020 darf kein Öl mehr verbrannt werden.“ Aber nichts geschah. Diese Idioten freuten sich noch, als das Grönlandeis schmolz und die Arktis jeden Sommer eisfrei wurde, so dass sie dort an das Öl herankamen.
  „Das verlangsamte aber die Abholzung der kanadischen Wälder. Ölsandgeschäfte wurden unrentabel.“
  „Du siehst in allem etwas Positives, hm? Selbst in der größten Not?“
  „Und du? Hast du alle Hoffnung verloren? Warum arbeitest du nicht mehr im Naturschutz?“
  „Weil er auch ohne mich prima funktioniert. Wo keine Wälder oder Bodenschätze sind, werden Na­tionalparks eingerichtet, in Wüsten und Steppen. Als Ausgleich für die Parks, deren Ressourcen geplündert werden. Und mit dem Klimawandel hat die Menschheit selbst die unberührten Regionen dieser Erde erreicht. Entweder kein Regen oder Überschwemmungen, entweder Kälte oder Hitze und Brände. Und jede Menge Orkane. Die Menschheit ist einfach zu blöd. Der letzte Dreck! Die...“
  „Das kannst du so nicht sagen!“ Sein Freund klang wütend und stoppte.
Er schrie zurück. „Doch. Kann ich! Weil es die Wahrheit ist! Und ich meine „die Menschheit“, nicht einzelne Menschen.“ Seine Stimme wurde ruhig. „Es ist die bescheuerte Gesellschaft, die so groß und komplex geworden ist, dass der Einzelne, sein Wissen und Können und sein guter Wille, absolut nichts zählen! Wir können nichts verändern. Niemand kann das. Weil das System ein Selbstläufer ist. Ohne Kontrolle durch uns Menschen. Einige nutzen es besser als die anderen und verdienen Millionen damit. Aber sie kontrollieren es nicht. Obwohl jeder ein Baustein dieses Systems ist, ist er unbedeutend, weil er nur ein 10 Milliardstel des großen Ganzen ist. Verstehst du? Um ein Prozent der Menschheit zu erreichen, müsste ich 100 Millionen Bücher verkaufen. Unmöglich.“ Er sah seinem Freund in die Augen. „Ab und zu wurde ich gefragt, welches Buch, das ich einmal gelesen habe, mein Leben beeinflusst hätte. Meine Antwort war beschämend für einen Schriftsteller. Es war kein Buch. Es war ein Film. Kurz nach Kopenhagen kam „Avatar“ in die Kinos. In der veralteten 3D Technik. Du wirst ihn nicht gesehen haben.“
  „Nein.“ Sein Freund drängte zum Weitergehen.
  „Hollywood: tolle Effekte, einfache Story. Aber so schöne Bilder ...“ Seine Augen begannen zu leuchten. „... von einem wunderbaren Planeten namens Pandora, den die Menschen fast vernichtet hätten, wegen Bodenschätzen, die es dort gab. Einige der Menschen haben den Bewohnern geholfen, die Menschheit von Pandora zu vertreiben. Sie hatten erkannt, wie verabscheuungswürdig ihre eigene Gesellschaft geworden war: das ewige Streben nach Profit. Alles wird dem Gewinn untergeordnet. – Für das, was sie unserer Erde antut, hasse ich die Menschheit. Aber ich finde niemanden außerhalb der kranken Gesellschaft, mit dem ich mich verbünden und gegen sie kämpfen könnte.“
  „Frag mal die Tiere.“ Sein Freund grinste. „Nein im Ernst, wie sollte der Kampf aussehen? Willst du alle Menschen umbringen?“
  „Wenn das so einfach wäre ...“ Er versank in Gedanken und versuchte sich vorzustellen, wie sich die Erde erholen und das natürliche Leben augenblicklich entfalten würde.
  „Könntest du es, wenn du die Macht hättest?“ Sein Freund klang ernst.
  „Es gibt auch Gutes. Unser Lachen, unsere Lieder, Theater, Kunst, Geschichten, die wir uns ausdenken, die vielen Spiele, Sport, unsere Art, den Rest Natur zu genießen, der noch da ist.“ Er hielt kurz inne. „Die Menschen auszulöschen ist keine Lösung, eher einsperren. Bis wir von unserer unkontrollierten Vermehrung geheilt wären und, ohne weiteren Schaden anzurichten, das Tal der Dummheit durchschritten hätten. Vorher dürfen wir diesen Planeten nicht verlassen! Vielleicht sind wir die Einzigen im Universum, wahrscheinlich aber nicht. Würden wir jetzt den Sprung ins All schaffen, wären die anderen Welten in Gefahr, dasselbe Schicksal wie unsere Erde zu erfahren. Keine Raumfahrt, das wäre ein Ziel.“
  „Das wurde bereits erreicht, genügt aber nicht.“
  „Gar nichts wurde erreicht. Wir haben unzählige Sonden ins All geschossen. Wir waren auf dem Mond und dem Mars. Wir könnten ...“
  Sein Freund unterbrach ihn. „Ja, „könnten“. Aber wir tun es nicht! Vor 60 Jahren sind die Amerikaner zum Mond geflogen. Dann strich Präsident Nixon die finanziellen Mittel, ganz plötzlich. Denkst du, das war Zufall? Sieh dir unsere Autos an. Wir verbrennen Ölprodukte in einem Motor, der im 19. Jahrhundert erfunden wurde. Statt unsere Mobilität auszubauen, entwickelten wir die Kommunikationstechnik in Riesenschritten. Wir treffen uns im Internet, leben in virtuellen Welten. Ich denke, es braucht nur einen Bruchteil deines einen Prozents, der hinausblickt über den „Tellerrand“ seiner Welt. Das Leben kann doch nicht nur aus Internetfernsehen, Bildzeitung, Smartphone und Bequemlichkeit bestehen! Es muss unter den Reichen und Mächtigen dieser Welt einige geben, die bereits versuchen zu bremsen oder zu lenken, seit es absehbar ist, dass die Menschheit die Erde auf einen Abgrund zusteuert.“
  „Und die haben das Internet erfunden und Smartphones und 4D-Heimkino?“
  „Keine Ahnung, aber sie könnten unsere Entwicklung in eine bestimmte Richtung steuern, die Menschheit in Fernseh-, Internet- und Smartphonewelten locken und kontrollieren.“ Sein Freund schaute sich um. „Wie vielen Menschen sind wir bis jetzt begegnet?“
  Er stutzte. „Niemandem. Aber es wird bald dunkel.“
  „Es ist warm. Es regnet nicht. Sollte nicht irgendeiner der Zwanzigtausend, die um diesen Wald herum leben, den Abend unterm Sternenzelt genießen wollen, wie du in deinen Büchern angeregt hast?“
  „Ich weiß, dass es nicht funktioniert hat.“
  „Und das ist gut so! Stell dir vor, die wären alle draußen in der Natur. Es gäbe keinen Ort der Stille und jede Menge Müll.“
  Er blieb stehen, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Gedanken rasten durch seinen Kopf. Gedanken, die Strohhalme zu einem dicken Seil flochten. Ein Seil, das er ergriff. Ein Seil, das sein gleichgültiges Dasein in der Abenddämmerung einer zerstörten Welt in zielstrebiges Handeln in der Morgendämmerung eines neuen Tages verwandelte. Nach einiger Zeit, die seinem Freund wie eine Ewigkeit vorkam, blickte er ihn an. „Was wäre, wenn die Menschheit sich nicht auf der ganzen Erde breit machen könnte, sondern wir sie in großen Städten und Ballungsgebieten einsperren würden? Was wäre, wenn wir uns aus ganzen Regionen dieser Erde verbannen könnten, die Natur sich dort erholt und wir später zu ihr zurückfänden?“
  Sein Freund sah ihn erfreut an. Er hatte gewusst, dass er ihn gewinnen könnte. Einige Jahre schon sah er das Licht, das für die Erde scheinen könnte. „Ganze Landstriche würden aufblühen.“
  „Wie bringen wir die Menschen dazu, in diese großen Städte zu gehen?“
  „Vielleicht kostenlose Smartphone-Flatrates.“
  „Und wie halten wir sie drin?“
  „Riesige Mauern, Kuppeldächer. Sie müssten glauben, dass die Luft draußen verseucht ist.“
  „Das stört niemanden. Die ist in jeder Stadt verseucht.“
  „Ich meine richtig verseucht. Tödlich. Sofort tödlich ...“
  Viele Fragen verlangten Antworten. Ihm wurde klar, wie komplex ihr Plan war. Er konnte sich nicht vorstellen, diese Idee umzusetzen, die Spinnerei zweier alter Männer, die sich jung fühlten?
  Die Stimme seines Freundes schien in die Ferne gerückt. „... dann übergeben wir die Kontrolle einem Computer. Die sind unbestechlich und ...“
  Er unterbrach ihn. „Du glaubst, wir beide bekommen das hin?“
  Sein Freund deutete nach vorn. „Unser Licht am Ende der Dunkelheit.“ Es waren die Lichter der Gastwirtschaft, des Ortes ihres Klassentreffens. Das Licht wurde heller. Die Stimme seines Freundes war fest. „Heute und hier fangen wir an. Wir alle kennen uns seit 50 Jahren. Wir sind nicht die dicksten Freunde, aber wir sind uns nicht fremd. Waren wir nicht die beste Klasse, die jemals diese Schule besucht hatte? Fast alle Mädchen haben studiert und die Hälfte der Jungs. Die meisten sitzen in einflussreichen Positionen im Finanz- und Versicherungswesen, in der Automobilindustrie. Wir haben drei Politiker und eine Ärztin, eine Uniprofessorin und zwei Gymnasiallehrer. Sie könnten aus ihren Schülern und Studenten die Richtigen auswählen. Was wir vorhaben benötigt Zeit und gute Leute. Vom Geld gar nicht zu reden. Wir können andere auf uns aufmerksam machen. Wir können in der Wüste einen Baum pflanzen. Vielleicht wird ein Wald daraus.“
  „Wie willst du herausfinden, wer diesen Wahnsinn mittragen würde?“
  „Ich stelle ihnen eine Frage, jedem Einzelnen.“
  „Eine Frage? Und die wäre?“
  „Schau, unsere Ärztin steht draußen und raucht. Fangen wir mit ihr an.“
  Sie winkte ihnen. „Wart ihr eigentlich jemals pünktlich?“
Sie umarmten sich kurz. Sein Freund schmunzelte. „Gegenfrage: Denkst du, dass Gott diesen Planeten retten kann?“
  Er sah ihn überrascht an.
  Die Ärztin lachte kurz auf. „Damit wäre er leicht überfordert. Ich glaube, dass Gott ein ganz armes Schwein ist. Er hat tausende Dinge geschaffen auf dieser Erde. Sie alle sind gut. Bis auf das eine. Und sein einziger Fehler zerstört sein ganzes Werk. Manche glauben, er habe die Erde längst verlassen. Ich denke, er hat soviel zu tun, die Folgen seines Fehlers zu mildern, dass er niemals wieder schlafen wird.“
  Er sah seinen Freund an, nickte und lächelte.
  Dieser zwinkerte ihm zu und schaute der Ärztin in die Augen. „Denkst Du, wir sollten Gott helfen?“

 

Andre Pfeifer
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